10 Jahre Engadin Bus






In diesem an Festen und Jubiläen wahrlich nicht armen Lande kommt es selten vor, dass man einen möglichen Anlass einfach „verpasst“. Und doch ist es im Trubel der Alltagsprobleme geschehen: das 10 jährige Jubiläum des Engadin Busses wurde am 22. November 2009 schlicht übersehen.

Wir wollen das Ereignis, welches 1999 grosse Wellen warf und bestehende Dogmas im öffentlichen Verkehr ins Wanken brachte,  aber doch noch Revue passieren lassen.

Der Kreisrat Oberengadin schrieb im Frühsommer 1999 die Führung des Busbetriebes öffentlich aus. Vorausgegangen war eine Volksabstimmung, welche ein völlig neues und stark erweitertes regionales Buskonzept absegnete. Die damals gerade einmal drei Jahre alte privatrechtliche Firma „Stadtbus Chur AG“ wagte es, die mächtige Berner Postauto Unternehmung herauszufordern. Der Coup gelang. Chur offerierte wesentlich günstiger als Bern. Nach dem Zuschlag ging ein regelrechtes Kesseltreiben der Post und ihrer vielen Sympathisanten gegen die junge Churer Firma, aber auch gegen die Oberengadiner Behörden los. Unzählige Leserbriefschreiber empörten sich über die „Unverschämtheiten“ aus dem gleichen Kanton (!). Die schweizerische Post rekurrierte, zuerst irrtümlich beim kantonalen Verwaltungsgericht, dann richtigerweise beim UVEK unter dem damals schon amtierenden Bundesrat Leuenberger. Doch der Rekurs brachte keinen Erfolg. Am 22. November 1999 nahm der Engadinbus, nur wenige Wochen nach dem definitiven Entscheid, mit 12 nigelnagel neuen Niederflurbussen (solche hatte es vorher nie gegeben) den Betrieb auf. Dass dieses logistische Husarenstück nicht auf Anhieb reibungslos anlief, ja anlaufen konnte, versteht sich wohl von selbst.

Doch genug der Vorgeschichte. Jahr für Jahr wurden in engem Kontakt mit der zuständigen Kreisbehörde Verbesserungen im Betrieb durchgezogen. Und, was man zu Beginn kaum geglaubt hatte, sogar das Verhältnis zur Post hat sich völlig entkrampft. Dazu beigetragen haben neue Köpfe auf beiden Seiten.

Und eines muss in aller Deutlichkeit gesagt werden. Volk und Behörden im Oberengadin haben mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs im Oberengadin Bedeutendes geleistet – und leisten es immer noch. Sei es konzeptionell oder, und dies vor allem, auch finanziell. Eine im schweizweiten Vergleich kleine Bevölkerung bietet einen äusserst bemerkenswerten Service - sich und vor allem auch ihren Gästen. Ich glaube, dass heute die vielen Gäste das auch anerkennen. Das schliesse ich aus den vielen positiven Reaktionen aus dem Unterland, die ich immer wieder höre.

Wir wollen aber nicht verschweigen, dass es auch Rückschläge gab. Insbesondere der schwere Verkehrsunfall am 3. Oktober 2008 mit drei Todesopfern, hat uns tief getroffen. Über die Unfallursachen rätseln nicht nur wir zurzeit der Niederschrift dieser Zeilen immer noch.

Neben wesentlichen Verbesserungen im Fahrplan, wurden auch die Fahrzeuge laufend ersetzt. Wir haben beim Engadinbus der Qualität im Angebot grosses Gewicht beigemessen. Bequeme Sitze mit hohen Lehnen, Niederflur-Einstiege, ein neues Leitsystem für die Disposition zur Erhöhung der Pünktlichkeit und schliesslich mit der Einführung des integrierten Tarifverbundes mit RhB, Post und Ortsbus St. Moritz auch ein neues Billettsystem. Schon früh hatten wir die berührungslosen Chipkarten, welche u.a. bei den Bergbahnen, in Parkhäusern und sogar in gewissen Hotels funktionieren, eingeführt. Die Stadtbus Chur AG war übrigens das erste Verkehrsunternehmen in der Schweiz, welches auf dieses sehr fortschrittliche Zahlungsverfahren umstellte. Mit Erfolg notabene.

Ein Jubiläum, auch wenn es in aller Stille gefeiert wird, kann ohne die Betrachtung der Gegenwart und einen Blick in die Zukunft nicht gefeiert werden. Deshalb sei ein kritischer Blick vor allem auf zwei Dinge gelenkt, die uns sehr beschäftigen und welche sich nicht unbedingt zum Segen der Busbenützer auswirken könnten.

Der Auftrag an den Engadinbus wurde inzwischen 2 Mal um je 5 Jahre verlängert. Dafür sind wir dankbar, denn wir schätzen diesen Auftrag und die Arbeit im Engadin ausserordentlich. Indessen geben uns diese kurzen Intervalle wenig Sicherheit und erschweren notwendige Investitionen ungemein. Als innovatives Unternehmen beschäftigen wir uns intensiv mit der Anschaffung von Hybridbussen, welche innerorts elektrisch und damit geräuschlos sowie ohne Abgase fahren können. Das neueste Produkt aus dem Hause Mercedes bringt beim Gelenkbus einen 4 Radantrieb, welcher die Sicherheit massgeblich erhöhen würde. Dieses neue Antriebskonzept ist nur elektrisch denkbar, und das bietet eben der Hybrid an. Solche Busse sind (noch) sehr teuer und können nicht in 5 Jahren amortisiert werden. Das gleiche gilt für die Planung einer eigenen Garage mit Tankstelle.  Diese Planungsunsicherheit trifft den Kern unserer Unternehmenspolitik Wir werden uns bemühen, mit den Behörden eine vernünftige Lösung zu suchen.

Ein  weiteres mögliches Problem liegt in den zurzeit bearbeiteten Plänen „Gratisbus“ und vor allem im Ausstieg der Bergbahnen aus dem integrierten Tarifverbund.  Erfolgt dieser tatsächlich, hätte das längerfristig ein Zurückbuchstabieren der bisherigen Integrationsschritte des öffentlichen Verkehrs zur Folge.

Man verstehe uns recht. Wir wollen nicht auf hohem Niveau jammern, wie das vielfach in unserem Lande üblich geworden ist. Und Probleme, die sich im öffentlichen wie im privaten Leben immer wieder ergeben, sind da, um gelöst zu werden. Dank des guten Einvernehmens mit den Behörden und den wichtigen privaten Partnern wird das sicher auch gelingen. Wir waren vor 10 Jahren optimistisch. Das war unser Markenzeichen – wir werden dieses sorgfältig weiter pflegen.

Chur, 25. Januar 2010    Dieter Heller
    Präsident des Verwaltungsrates